Der Künstler, ein älterer Herr mit Bart, sitzt daheim und denkt nach. Ein Anruf bei Rosie:
„Sag` mal Rosie, hast du die Liste fertig?“
„Klar, ich faxe sie dir gleich mal. Also ich habe 21 Songtitel für dich aufgeschrieben, die jetzt gerade bei den jungen Leuten modern sind. Eine Zusammenstellung von Markenschuhen und Hosen ist auch dabei. Dazu Redewendungen zur Begrüßung und zum Abschied, sowie einige In-Lokale von Berlin.“
„Danke Rosie, genau das hat mir noch gefehlt“, hüstelt Johann alias Linaturi. Die nächste Szene seines neuen Romans, in welcher der Held, ein schwuler 18-jähriger Auszubildender, seinem Freund in der Kneipe „Two Friends in Motion“ seinen geplanten Selbstmord ankündigt und anschließend Selbstgespräche mit seiner musikbegeisterten Ratte führt, nimmt Gestalt an.
Nach dem Gespräch mit Rosie fängt der Künstler gleich mit der Arbeit an. Doch er wird bald durch einen Anruf aus seinem Verlag aufgeschreckt. Regina Turbine ist am Apparat:
„Tag Johann. Denk`an den Termin am nächsten Donnerstag. Wir brauchen noch deine Rezension für das Buch unserer neuen Autorin Dodi Dingsda. Ein Satz genügt. Der kommt dann auf den Klappentext. Wir haben ihn schon mal für dich vorformuliert. Und außerdem wollte ich dich an Twitter erinnern. Du m u s s t bei Twitter einsteigen. Ich komme gleich mal bei dir vorbei und helfe dir. Bei der Gelegenheit möchte ich dich vorwarnen: Du musst deinen Computer benutzen, stelle ihn schon mal an.“
Johann alias Linaturi seufzt aus vollem Herzen. Ihm bleibt nichts erspart. Was ist Twitter überhaupt? Mit wehmütigem Lächeln zieht er ein Buch aus dem Regal und betrachtet die Innenseite des rückwärtigen Umschlags: Man sieht ihn am Schreibtisch sitzend. Seine rechte Hand ruht auf der Tastatur seiner weißen Schreibmaschine. Auch damals, als diese Aufnahme für sein erstes Buch vor zwanzig Jahren gemacht wurde, gab es schon Computer. Mit einem solchem Ding wollte er nichts zu tun haben. Auch heute möchte er seinen Computer am liebsten gar nicht anfassen, er schreibt immer noch meistens mit Bleistift in Hefte oder aber auf der alten Schreibmaschine.
Eine Viertelstunde später ist Regina da und hilft ihm mit Twitter. Und Johnann schreibt mit leidendem Gesichtsausdruck seinen ersten Twittertext, während sein Wellensittich im Käfig auf dem Beistelltischchen aufgeregt von der Stange auf den Boden springt, so dass Sandkörnchen und ein paar Federn in der Gegend herumfliegen:
„Und was soll ich hier jetzt machen?“Linaturi ist ein Bestsellerautor, seit vielen Jahren auch bei jungen Leuten sehr beliebt. Binnen kürzester Zeit hat er 59 "Follower", die sich mit ihren Botschaften schüchtern und ehrerbietig als Fans zu erkennen geben.
16 Tage lang hält Linaturi sich zurück. Es ist nicht bekannt, ob er in dieser Zeit überhaupt jemals seinen Computer angestellt hat. Aber dann kommt sein zweites "Tweet":
„Warum folgen mir diese Personen? Ich gebe hier doch überhaupt nichts von mir! Muss ich das verstehen?“Als dieser Text abgesandt ist, trinkt Linaturi erst einmal eine Tasse Tee.
Diese Glosse – oder ist es eine Satire? - entstand, nachdem ich hier
gestöbert hatte:
http://www.lovelybooks.de/autorentickerAuf dieser Seite sind einige Autoren aufgeführt, die Twitter benutzen.
Nachtrag 2 Monate später: Johann twittert immer noch. 1 lahmes Befindlichkeits-Tweet pro Woche. Das ist guter Durchschnitt.