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Unter der Brücke

 

Unter der Brücke

Dietbert Gassel sitzt dem Psychologen gegenüber und schaut auf seine Hände. Schon bei der Vorstellung, alleine unter der Brücke hindurchzufahren, verdunkelt sich die Welt um ihn herum, wird ihm ganz schwach.

„Wenn es anders nicht geht, werde ich natürlich mitfahren“, sagt der Psychologe mit munterer heller Stimme. „Aber ich denke, dass Sie der Typ sind, der es auch alleine schafft. Bei Ihnen möchte ich es jetzt einmal mit der Konfrontationstherapie versuchen. Die eignet sich nicht für jeden Klienten mit Angst- und Panikattacken. Wir versuchen das mal, ja?“

„Selbstverständlich.“ Dabei ist Dietbert ganz und gar nicht überzeugt, dass er dieser Aufgabe gewachsen ist, der schwersten von allen! Und dann noch alleine, ohne Herrn Bertram an seiner Seite!

Allmählich fasst er wieder Mut. Die letzten Male ist alles gut gegangen, alle Ängste konnten erfolgreich bewältigt werden. Er kann jetzt Wendeltreppen emporsteigen und von allen möglichen Plattformen in luftiger Höhe die Landschaft genießen. Die erste Reihe im dritten Rang des Theaters mit dem fürchterlichen Blick in die Tiefe stellt kein Problem mehr dar. Kaufhäuser mit Rolltreppen und vielen Menschen? Fahrstühle? Alles geübt, alles im Griff, er kann auf sich stolz sein. Warum sollte das Allerschwierigste, das Fahren unter der Autobahnbrücke auf dem Weg zu seiner Arbeit, nicht auch noch gelingen? Dann gäbe es in Zukunft nicht mehr so viele Umwege über Landstraßen…

Herrn Bertrams Stimme reißt ihn aus jäh seinen Überlegungen und er schaut auf. Der graue Pullover des jungen Psychologen fesselt seine Aufmerksamkeit. Höher wagt er nicht zu blicken, dem festen Blick aus Herrn Bertrams blauen forschenden Augen, die seine Angstgeheimnisse längst enthüllt haben, fühlt er sich nicht gewachsen.

... und haben Sie das Buch gelesen, das ich Ihnen gegeben habe? Die Regeln auf Seite 55?“

„Ja“, erwidert Dietbert, ein wenig zu eilfertig und versucht ein zuversichtliches Lächeln.

„Ihre Ängste entbehren jeder Grundlage, das müssen Sie sich klar machen. Sie werden nicht tot umfallen, wenn Sie von Menschenmassen umgeben sind oder in die Höhe klettern. In der Turnhalle wird die Decke nicht plötzlich auf Sie herabstürzen, wie Sie es befürchtet haben. Denken Sie daran: Vermeidungsstrategien bringen nichts. Sie müssen sich der Gefahr stellen und an sich selbst beobachten, dass Ihre Angst in der eingebildeten Gefahrensituation allmählich nachlässt. Das nennt man `Konfrontationstherapie`. Also: Gleich jetzt auf dem Weg zu Ihrer Arbeit fahren Sie unter der Brücke hindurch. Einverstanden?“

„Einverstanden.“

Dietbert erhebt sich, reicht dem Psychologen die Hand und will gehen. Doch dieser prüft ihn noch ein letztes Mal:

„Seite 55, Regel Nr. 3, die wichtigste Regel, Herr Gassel, wissen Sie noch?“

„Bleib` in der Realität“, murmelt Dietbert und der Psychologe antwortet:

„Genau!“

Und er wiederholt noch einmal: „Bleib` in der Realität.“

.....

Dietbert fährt auf der Autobahn und nähert sich zügig der Brücke. Seine Hände umklammern schweißnass das Lenkrad. Er bemüht sich, den Wagen gerade zu halten, da dieser einen eigenen Willen zu haben scheint und nach rechts oder links ausbrechen möchte. Rechts ist der Randstreifen, dann kommt eine Wiese, dahinter ist Wald. Links noch eine Spur und daneben das weiß mitlaufende Band des Mittelstreifens. Bisher ist alles gut gegangen, die Brücke kommt immer näher, unausweichlich.  Gleich wird er hindurchfahren. Doch da oben auf der Brücke, an das Geländer gelehnt, wer ist das? Ein junger Mann, neben ihm ein Fahrzeug? Ein Mann, dort in der Mitte der Brücke, der etwas hochhebt. Einen Stein?

Und dann kracht es auch schon. Ein fürchterlicher Aufprall direkt neben ihm. Sein Blick fällt auf etwas, das auf der Autobahndecke liegt. Ein grauer Pflasterstein, nicht besonders groß. Er bremst stark, hat das Fahrzeug immer noch unter Kontrolle, fährt unter der Brücke durch, weil Dietbert trotz des furchtbaren Schrecks aus der Gefahrenzone der Brücke wieder auf der anderen Seite herauskommen muss. Das gelingt ihm auch, er fährt auf den Standstreifen und hält mit letzter Kraft an. Es ist ihm nichts passiert, auch das Fahrzeug scheint heil zu sein. Ein paar Minuten sitzt er reglos, dann fingert er nach dem Handy. In seinem Kopf dröhnt eine Stimme: „Nie wieder unter einer Brücke…bleib in der Realität….“

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