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Ljudmila Ulitzkaja

 

Ljudmila Ulitzkaja - Alice Munro: Ein kurzer Vergleich

Ljudmila Ulitzkaja: Maschas Glück. Carl Hanser Verlag, München 2007. Aus dem Russischen von Ganna Maria Baumgardt.

Alice Munro: Tricks. Acht Erzählungen S. Fischer, Frankfurt a. Main, 3. Aufl. Juli 2006. Aus dem Englischen von Heide Zerning.

Ulitzkajas Erzählungen gefallen mir noch besser als die der berühmteren Alice Munro, welche wiederholt als Kandidatin für den Literatur-Nobelpreis gehandelt wurde. 

Damit kein falscher Eindruck aufkommt: Die Kanadierin Alice Munro, erst recht spät in Deutschland von der ZEIT entdeckt, ist eine großartige Schriftstellerin. Ihre Erzählungen umfassen wie die ihrer russischen Kollegin oft Jahrzehnte, aber welche Genauigkeit der Beschreibung, wie uneitel das Ganze bei Ulitzkaja! Bei Munro habe ich dagegen oft das Gefühl, dass sie um der Pointe willen etwas erfindet: Ausgerechnet bei ihrer Erzählung "Tricks" in dem gleichnamigen Erzählband ging es mir so. Das Ende, in dem sich herausstellt, dass der vermeintliche Geliebte in Wahrheit dessen taubstummer Zwillingsbruder ist, nehme ich ihr nicht ab.  Und dieses ungläubige Staunen bei mir, der Leserin, dieses kritische Überdenken einer Handlung am Schluss, dieses Gefühl von Ausgetrickstwerden - bei Ulitzkaja ist mir das bisher nicht passiert. Dabei bewegt sie sich die russische Autorin auch am Rande des Unwahrscheinlichen. Aber die Überraschung passiert beiläufig, das Unwahrscheinliche sind bei ihr magische Momente: Einer fällt plötzlich tot um, zwei sterben zufällig am gleichen Tag usw. Bei Munro dagegen wird es hartnäckig auf die Spitze getrieben: Das Unwahrscheinliche sind nicht Momente, sondern sorgfältig konstruierte Entwicklungen. Und hinzu kommt: Bei Munro gibt es thematisch Wiederholungen, die ermüden. Der Erfindungsreichtum bei Ulitzkaja ist hingegen bisher ungebrochen.

Und das Schönste wie immer zum Schluss: Dieser Band ist für mich tausendmal besser als Ulitzkajas "Die Lügen der Frauen" (Erzählungen, 2003).

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Butterklau und Silberlöffel


Ljudmila Ulitzkaja hat eine Kurzgeschichte "Iwan Zarewitsch" geschrieben, die mich bewegt hat:

Das Personal: Klawa, Krankenschwester, und ihr tuberkulosekranker Mann Waska. Die siebenjährige Nachbarstochter Shenja. Shenjas Mutter. Waskas Großmutter Marja Wassiljewna.
In der Gemeinschaftswohnung der russischen Stadt, in der alle leben – wir schreiben das Jahr 1948 -  spielt sich nun Folgendes ab:

„ (Klara) war im Tuberkulosekrankenhaus für die Ernährung zuständig und stahl Butter und Fleisch aus der Küche. Die trug sie in einer kleinen Stofftasche nach Hause, die sie im Sommer unter einer weiten Bluse und im Winter unterm Mantel verbarg. Ihr tuberkulosekranker Mann Waska brauchte kräftigende Nahrung.
In der Gemeinschaftswohnung wußte jeder alles über jeden. Auch daß Klawa Butter stahl, wußten alle. Shenjas Mutter erklärte ihrer Tochter damals, Klawa dürfe stehlen, sie beide dagegen nicht. Diese Relativitätstheorie leuchtete Shenja sofort ein. Zumal sie sich noch gut an die Geschichte mit dem Teelöffel erinnerte. Sie hatte in der Abwaschschüssel der Nachbarin unter dem schmutzigen Geschirr einen silbernen Teelöffel mit dem Monogramm ihrer Großmutter entdeckt und ihn triumphierend der Mutter gebracht.
´Sieh` mal, unser Löffel, der lag in der Schüssel von Marja Wassiljewna!`
Mama hatte sie kalt angesehen.
´Leg ihn sofort wieder dahin, wo du ihn gefunden hast.`
Shenja war empört.
 ´Aber das ist doch unser Löffel!`
´Ja`, bestätigte die Mutter, ´aber Marja Wassiljewna hat sich inzwischen an ihn gewöhnt, und darum legst du ihn jetzt dahin zurück, wo du ihn gefunden hast!`“

(Aus: Ljudmila Ulitzkaja: Maschas Glück, Carl Hanser Verlag, München, 2007)

Statt „Butterklau und Silberlöffel“ hätte ich auch die Überschrift wählen können: „Gerechtigkeit und Nachsicht“ Denn für den Butterklau können noch juristische Kategorien gefunden werden: „Not kennt kein Gebot.“ Gerechtigkeit setzt sich durch gegenüber der Idee der Legalität. Nahrung muss zum Überleben beschafft werden, notfalls durch Diebstahl. Aber beim „Löffelklau“ kommt man mit „Gerechtigkeit“ nicht weiter. Hier wird nichts ausgeglichen, der Löffel bleibt bei der Diebin. Auf der einen Seite hält Justitia, die Göttin der Gerechtigkeit, somit eine leere Waagschale, auf der anderen Seite liegt  - ein silberner Teelöffel. Das lässt sich nur mit `Nachsicht` erklären, oder mit....`Liebe`? Die Geschichte endet damit, dass Waskas Großmutter Marja Wassiljewna vierzig Jahre später beim Teetrinken nach wie vor den Löffel mit dem Monogramm von Shenjas Großmutter benutzt.


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