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Das vorgetäuscht Echte in "Bios", Fotos und Filmen im Internet

Was ist das „vorgetäuscht Echte“? Betrachten wir einmal die Kurzbiografien, abgekürzt „Bios“, die uns die Blogger auf Seiten wie Posterous anbieten. Wie definieren sie sich in wenigen Worten selbst? Da liest man, insbesondere von Frauen, oft allgemeine und geheimnisvoll anmutende Hinweise auf ihre vorgebliche Liebe zur Natur: „Liebe die Nacht, den Regen, den Sonnenschein“ usw. Was wollen sie uns damit sagen? Ich glaube, Folgendes: „Ich bin nicht so materiell eingestellt, wie ihr denkt. Ich liebe nicht allein das Geld ...“ Dieser Aussage kann man Glauben schenken oder auch nicht. Oder sie verstecken sich nur hinter einer vorgeblichen Liebe zur Natur.

Viele Internetnutzer verwöhnen uns mit Fotos, die sie irgendwo aufgestöbert haben. Da gibt es nicht nur niedliche Haus- und Nutztiere wie Kätzchen, Pferdchen und Hündchen zu bewundern, sondern auch spektakuläre Bilder von afrikanischen oder auch arktischen Wildtieren wie Löwen, Tigern, Eisbären, Pinguinen, daneben exotische Landschaften, Sonnenunter- und –aufgänge, Regenbögen in sämtlichen Stadien ihrer Entwicklung und Ähnliches.  Vielen Fotos gemeinsam ist ihre Verfremdung durch Computerbearbeitung. Die Farben sind greller als jemals in der Natur vorzufinden. Alles ist darauf eingerichtet, den Betrachter zu verblüffen, zu fesseln, ihn mit Macht zu beeindrucken. Unzählige Slide-Shows, Fotosequenzen, von Internetbenutzer zu Internetbenutzer weitergegeben, sind nach dem gleichen Muster gestrickt. Uns soll vor Bewunderung der Mund offen stehen. Sobald wir ihn wieder zugeklappt haben, kommt das nächste „Angebot“. Der Gipfel war für mich zuletzt diese Serie: Fotos von menschlichen Händen, welche die unterschiedlichsten gefiederten und ungefiederten Tiere mit Augen, Klauen, Mäulern und Zungen darstellten. Einige Hände waren nur bemalt worden. Auf anderen Bildern waren offenbar Fotos von Tieren mit Fotos von Händen durch Bearbeitung verschmolzen. Die ursprüngliche „Hand“ , letztlich oft nicht mehr als Umriss, als Begrenzung, war jedoch überall noch zu erkennen.
http://blog.quikchange.net/animals-on-hands
Diese Serie übte eine große Faszination auf mich aus, das muss ich zugeben. Sie fiel aus dem Rahmen, ebenso wie vor Jahren das Foto des „wilden“ Mannes mit dem irren Blick, der quer in seinem Mund eine grüne Eidechse platziert hatte, ein Foto aus der Zeitschrift „Fit for Fun.“ Dann verschwanden diese Art Fotos für einige Zeit aus den Magazinen und nun feiern sie Auferstehung im Internet.

Auch gewisse kleine Filme, oft mit großem Aufwand vermutlich speziell für das Internet produziert, haben die gleiche Pseudo-Schlichtheit und Natürlichkeit, die in Wahrheit eine große Unnatürlichkeit darstellt. Ich denke da zum Beispiel an den Film, welcher zeigt, wie ein alter Mann neben einem jungen Mann im Freien auf einer Bank sitzt und beide einen Spatzen betrachten. Es passiert praktisch nichts, aber es sieht gut aus.
http://stephanie.posterous.com/interesting-short-film
Im Gegensatz zu wahrer Kunst, die oft sperrig, einfach, schlicht und unspektakulär ist, wird auch hier mit Mitteln der Überrumpelung gearbeitet, der Zuschauer soll geradezu am kritischen Nachfragen gehindert werden. Er soll schöne Bilder ohne wesentliche Aussage genießen. Die „Schauspieler“, ob jung oder alt, zeichnet nur das aus, was auch die Darsteller der TV-Soap ausmacht, ihr Aussehen. Und wenn das dem Betrachter nicht genügt und er noch tiefer einsteigen möchte, kann er in Pseudo-Welten abtauchen, in „Second life“.

Damit nicht ein falscher Eindruck aufkommt: Ich gehöre nicht zu den grämlichen Kulturkritikern. Übertreibung ist ein erlaubtes Mittel in der Kunst. In der Romantik und auch schon früher haben anerkannte Landschaftsmaler die Natur grandioser dargestellt, als sie in der Realität war: Berge wurden höher gemacht, Wasserfälle hinzuerfunden,  der Mensch ganz klein in eine bedrohliche Umwelt gestellt.

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Twitter - was ist das? Leiden des Künstlers

Der Künstler, ein älterer Herr mit Bart, sitzt daheim und denkt nach. Ein Anruf bei Rosie:
 
„Sag` mal Rosie, hast du die Liste fertig?“

„Klar, ich faxe sie dir gleich mal. Also ich habe 21 Songtitel für dich aufgeschrieben, die jetzt gerade bei den jungen Leuten modern sind. Eine Zusammenstellung von Markenschuhen und Hosen ist auch dabei. Dazu Redewendungen zur Begrüßung und zum Abschied, sowie einige In-Lokale von Berlin.“

„Danke Rosie, genau das hat mir noch gefehlt“, hüstelt Johann alias Linaturi. Die nächste Szene seines neuen Romans, in welcher der Held, ein schwuler 18-jähriger Auszubildender, seinem Freund in der Kneipe „Two Friends in Motion“ seinen geplanten Selbstmord ankündigt und anschließend Selbstgespräche mit seiner musikbegeisterten Ratte führt, nimmt Gestalt an.

Nach dem Gespräch mit Rosie fängt der Künstler gleich mit der Arbeit an. Doch er wird bald durch einen Anruf aus seinem Verlag aufgeschreckt. Regina Turbine ist am Apparat:

„Tag Johann. Denk`an den Termin am nächsten Donnerstag. Wir brauchen noch deine Rezension für das Buch unserer neuen Autorin Dodi Dingsda. Ein Satz genügt. Der kommt dann auf den Klappentext. Wir haben ihn schon mal für dich vorformuliert. Und außerdem wollte ich dich an Twitter erinnern. Du m u s s t  bei Twitter einsteigen. Ich komme gleich mal bei dir vorbei und helfe dir. Bei der Gelegenheit möchte ich dich vorwarnen: Du musst deinen Computer benutzen, stelle ihn schon mal an.“

Johann alias Linaturi seufzt aus vollem Herzen. Ihm bleibt nichts erspart.  Was ist Twitter überhaupt? Mit wehmütigem Lächeln zieht er ein Buch aus dem Regal und betrachtet die Innenseite des rückwärtigen Umschlags: Man sieht ihn am Schreibtisch sitzend. Seine rechte Hand ruht auf der Tastatur seiner weißen Schreibmaschine. Auch damals, als diese Aufnahme für sein erstes Buch vor zwanzig Jahren gemacht wurde, gab es schon Computer. Mit einem solchem Ding wollte er nichts zu tun haben. Auch heute möchte er seinen Computer am liebsten gar nicht anfassen, er schreibt immer noch meistens mit Bleistift in Hefte oder aber auf der alten Schreibmaschine.

Eine Viertelstunde später ist Regina da und hilft ihm mit Twitter. Und Johnann schreibt mit leidendem Gesichtsausdruck seinen ersten Twittertext, während sein Wellensittich im Käfig auf dem Beistelltischchen aufgeregt von der Stange auf den Boden springt, so dass Sandkörnchen und ein paar Federn in der Gegend herumfliegen:

„Und was soll ich hier jetzt machen?“

Linaturi ist ein Bestsellerautor, seit vielen Jahren auch bei jungen Leuten sehr beliebt. Binnen kürzester Zeit hat er 59 "Follower", die sich mit ihren Botschaften schüchtern und ehrerbietig als Fans zu erkennen geben.

16 Tage lang hält Linaturi sich zurück. Es ist nicht bekannt, ob er in dieser Zeit überhaupt jemals seinen Computer angestellt  hat. Aber dann kommt sein zweites "Tweet":

„Warum folgen mir diese Personen? Ich gebe hier doch überhaupt nichts von mir! Muss ich das verstehen?“

Als dieser Text abgesandt ist,  trinkt Linaturi erst einmal eine Tasse Tee.

Diese Glosse – oder ist es eine Satire? - entstand, nachdem ich hier
gestöbert hatte:

http://www.lovelybooks.de/autorenticker

Auf dieser Seite sind einige Autoren aufgeführt, die Twitter benutzen.

Nachtrag 2 Monate später: Johann twittert immer noch. 1  lahmes Befindlichkeits-Tweet pro Woche. Das ist guter Durchschnitt.

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