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Twitter: Ichbotschaft und Rollenprosa

Die Psychologen haben uns erklärt, was „Ichbotschaft“ bedeutet: Eine Äußerung ganz aus der subjektiven Warte des Erklärenden, in der es ausdrücklich um das Ich der Person geht. Die Ichbotschaft ist das genaue Gegenteil einer Mitteilung, bei der häufig das Wort „Du“ gebraucht wird. Und jetzt kommt das Schöne: Wenn sich zwei Parteien streiten, soll die Ichbotschaft unweigerlich zur Deeskalation, zur Befriedung einer aufgeheizten Situation führen. Der Gegner kann gar nicht anders, als sich ergeben. Bei der „klassischen“ Ichbotschaft redet man also über sich und bringt auch Gefühle mit ein.

Beispiel: „Ich weine, weil ich so einsam bin“ ist eine Ichbotschaft, und wenn noch nicht alles verloren ist, erregt sie Aufmerksamkeit und hält das Gespräch in Gang. „Immer gehst du mit deinen Freunden zum Fußball“,  ist dagegen eine „Du-Botschaft“ und die Gegenseite wird daraufhin wortlos das Weite suchen, wenn die Uhren richtig gehen.

Bei Twitter richtet sich die „Ichbotschaft“ normalerweise an eine unbekannte Vielzahl von Menschen, die diese Botschaft lesen. Sie enthält vordergründig keine Gefühle, sondern teilt mit, was der Betreffende gerade macht. Schon allein diese Tatsache ruft bei den Lesern Aufmerksamkeit und Interesse hervor. So stark ist eine Ichbotschaft!

Es macht also einen Unterschied, ob jemand im Herbst twittermäßig davon redet, dass „man“ im Sommer die Blumen gießen sollte, damit sie nicht vertrocknen. Twittert aber die gleiche Person im Juli, dass sie mit der Gießkanne im Garten war, und was sie da alles angestellt hat, finden einige Leser das interessant. Vielleicht fühlen sie sogar mit, wenn, Twitter sei Dank, unsere Gärtnerin ihre Leser/ Follower zuvor darüber in Kenntnis gesetzt hatte, dass sie bis dato krank im Bett lag...

Daraus soll nicht der Schluss gezogen werden, dass man per Twitter sein ganzes Leben offenlegen sollte. Schreibt man aber völlig unpersönlich, läuft man Gefahr, dass man „überlesen“ wird. Wahrscheinlich ist Twitter kein Medium für völlig „neutrale“ Wissensvermittlung, selbst wenn theoretisch die 140 vorgeschriebenen Zeichen ausreichen sollten.

Und was ist mit der Rollenprosa? Ganz einfach: Es bietet sich geradezu an, Twitter für allerhand Schabernack zu nutzen: Man kann in verschiedene Rollen schlüpfen, König, Elefant, Computer sein. Oder man kann im Narrengewand ernste Dinge von sich geben. Denn um dem Dilemma mit der treuherzigen oder aufschneiderischen „Ichbotschaft“ zu entgehen, sollte vielleicht versucht werden, formal ein wenig zu experimentieren. Auf jeden Fall ist Twitter auch abseits kommerzieller Interessen ernst zu nehmen. Es bietet viele Möglichkeiten.

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