Sita`s posterous

 
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Harry Rowohlt

 

2105 - Besuch aus der Steinzeit

In diesem Jahr sollte das Verlagsjubiläum gefeiert werden. Alle Kollegen waren eingeladen, Vera und Markus waren dabei. Bevor es so richtig losging, hockten sie in Veras kleinem Kabuff und redeten über die alten Zeiten, wie es bei solchen Gelegenheiten üblich ist. Vera hatte sich richtig herausgeputzt, ihre Locken wurden durch eine fast rokokohaft anmutende Perücke ergänzt, die geradezu schwelgerisch mit seltenen Vogelfedern besetzt war – die künstlichen Gliedmaßen und Ersatzteile ihres Körpers waren frisch gewartet, glänzten und blitzten, allerdings dezent, der Automatikmodus für Small-Talk war aktiviert, so dass die Rede wohltemperiert und selbstverständlich dahinglitt, während Vera noch die Feuilletonseiten für die nächste Ausgabe der AKTUELLEN durchsah. Diese Seiten waren kurz auf ihrem rechten Ärmel eingeblendet, erloschen sodann, um anschließend auf der linken in fließenden Stoff gehüllten Pobacke kurzfristig zu erscheinen. Vera las schnell und gründlich und machte sich – für ihre Umwelt fast unsichtbar – auf einem kleinen hinter dem rechten Ohr eingepflanzten Chip, der mit dem Zentralrechner ihres Unternehmens verbunden war, Notizen. Dank der verbesserten Augenstruktur, die ihr durch einen chirurgischen, von der Betriebskasse finanzierten kleinen Eingriff für Geistesarbeiter mit Kleintextbedürfnissen bereits vor 20 Jahren verpasst worden war, und die das Sehen um die Ecke, rauf und runter, und mit der notwendigen Vergrößerung erlaubte, konnte sie sich nebenbei mit dienstlichen Aufgaben beschäftigen, während ihr Mund die notwendigen Brosamen der Alltags-Unterhaltungssprache ausspuckte, wenn nötig auch in drei Fremdsprachen. Der Up-Date-Modus, über den Vera verfügte, erlaubte auch eine Rede in einfacher Fachsprache. Durch falsche Programmierung  war jedoch im letzten Monat die Sprache Mandarin durch Kantonesisch ersetzt worden, ein übler Fehler, der rasch behoben werden musste, schließlich rückte der Termin näher, an dem sich die Delegation des Pekinger Morgens in der Redaktion angesagt hatte.

Zum 250. Jubiläum des Verlags war auch Veras Sohn Mohammed erschienen und ihr Adoptivsohn Jordan. Mohammed war nach fünfjährigen Bemühungen und unter Ausschöpfung sämtlicher Möglichkeiten der Fortpflanzungs- und der Alternativ-Medizin von Vera im Jahre 2020 geboren worden und jetzt folglich 85 Jahre alt, Jordan zählte zwei Lenze weniger. Markus unterhielt sich blendend mit den beiden, seine Drittfrisur, die der Hamletmode der Zeit entsprach und eher schlicht in der Farbe Biber gehalten war, bildete einen Gegensatz zu den weißen Häuptern der Vera-Söhne, die immer noch das aus der Mode gekommene Drei-Tage-Kopfhaar spazieren führten.

Die Tür ging auf und herein kam mit schelmischem und keineswegs blasiertem Lächeln der „special guest“: Harry Rowohlt! Markus hatte ihn zuletzt bei seinem 60. Geburtstag im Jahre 2005 gesehen, das war schon lange her. Harry R., wie sein Künstlername jetzt lautete, war nicht nur in Fachkreisen berühmt und berüchtigt. In den seit seiner Geburtstagsfeier 2005   vergangenen Jahrzehnten hatte er nicht nur seine äußere Gestalt – Penner, Lindenstraße –gepflegt, gewartet und erhalten, sondern sein unverkennbares Ansehen und Aussehen, einer wahren und einzigartigen Marke würdig, durch besondere symbolhafte Attribute sogar noch gesteigert. Er kam ganz unauffällig im Bärenkostüm - schließlich war es modern, sich tierisch und damit gleichsam naturverbunden zu geben. Es handelte sich um ein etwas ausgefranstes Modell, das jedoch nicht an Jahrmärkte vor 200 Jahren gemahnte, sondern auf unerklärliche Weise mit der strahlenden und glitzernden Jetztzeit harmonierte. Aus dem in altmodischer Manier mit grau-braunem Garn gehäkelten Zierrucksack hing ein kleines flaches Metallding in Schallplattenform mit großer schwarzer geschwungener Schrift: „PU.“ Die Haare des Meisters hatten den modernen Biberlook, hingen aber viel üppiger als bei Markus um den Kopf des genialen Übersetzers von „Pu der Bär“. Wieviele Platin-Schallplatten der Meister hierfür eingeheimst hatte, wusste vermutlich nur er selbst ganz genau. Sein Alterswerk: „Berühmte Kerle unter sich“ lief hervorragend, besonders die präzisen Fußnoten, die berühmten Kerle betreffend, waren seither eine Quelle der Forschung und des Frohsinns.

Der Meister tat den Mund auf und begann zu sprechen. Niemand außer Vera konnte ihn verstehen, er sprach Kantonesisch. Zum Glück hatte Vera den Sprachmodus noch nicht umgestellt.

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