Die Welt der Vögel
Montags um acht ist die Welt noch in Ordnung. Noch….der junge Mann blickt auf seine Schuhe und erschrickt: ein braun-weißer Schuh und ein schwarzer! Wie konnte das passieren! Seine Augen wandern aufwärts und bleiben an den Knien der ihm gegenübersitzenden Redakteurin hängen, Vogel-Stickereien und Applikationen auf ihren Strümpfen fallen ihm ins Auge: Das prächtige weiße Zwerg-Sundheimer-Huhn mit fedriger schwarzer Halskrause ist deutlich zu erkennen und bildet ein interessantes Rautenmuster. Auf dem Schreibtisch steht ein von der Morgensonne schwach beleuchtetes Blaukehlchen aus Kunstharz, ach, könnte man es ein einziges Mal in der Natur aufspüren und seinem begnadeten Gesang lauschen! Eine Krähe fliegt am Fenster vorbei und streift mit den Flügeln die Scheibe, ihr „kra-kra“ ist leise zu hören, bevor sie aufsteigt und mit ihren Genossinnen um den Turm fliegt, der sich über dem Marktplatz erhebt.
„Gehen Sie heute um 17 Uhr zur Vogelbörse in den Räumen des Seniorenheims „Vogelsang“. Es gibt Kaffee und Kuchen und verschiedene Vorträge….“ Die sanfte Stimme der Redakteurin und Vogelfreundin schreckt Markus auf: „….wichtige Vorträge: Hören Sie zu….Da wäre zunächst: `Clickertraining. Die sanfte Art der Erziehung`. Markus weiß nicht, was Clickertraining bedeutet, Vera erklärt es geduldig: „Man benutzt da ein Stöckchen, zur Not kann es kann mal ein Kugelschreiber sein, daran sind Leckerli befestigt und dann….Viele Vogelbesitzer haben mit der Erziehung große Probleme, wenn ihr Leo plötzlich jede Mitarbeit verweigert, wenn der Graupapagei in der Sprache des Vorbesitzers schimpft“….Und schon weist sie auf den nächsten Programmpunkt der Veranstaltung der Vogelfreunde hin: `Der Einsatz von Bach-Blüten- Tropfen gegen Aggression, Verlust, Trauer, zur Entschlackung, Entgiftung, bei Angst und zur Erhöhung der Lernbereitschaft bei Hunden, Katzen, Reptilien und Vögeln`. Markus blickt wieder auf seine Schuhe, aber Vera macht unbeirrt weiter: „Und, wenn ich Ihnen das noch auf den Weg geben kann, vermeiden Sie um Gottes Willen den Begriff „Hühnerzüchterverein“. Selbst die organisierten Vogelfreunde haben diesem Begriff abgeschworen. Es könnte Ihrer Karriere schaden, wenn Sie als Journalist beispielsweise erwähnen, vom Wettkrähen der Hähne in Klein-Kleedorf berichtet zu haben.“
Markus, Voluntär und neu in der Redaktion, beginnt zu träumen. Er beschließt, einen Blindversuch für Veras in der Redaktion berühmte Balkon-Hennen und für sich selbst zu starten, mit den Angst- Tropfen. Oder benötigen er und die Hennen doch eher die Tropfen zur Steigerung der Lernbereitschaft? Bestürzt fällt ihm ein, dass keiner der Kollegen bisher Veras Balkon-Hennen-Pärchen aus der berühmten Familie der Großfußhühner zu Gesicht bekommen hat, Vera hat nur Fotos herumgereicht. Im Nu ist er wieder wach, stopft die Papiere mit seinen Notizen in den Rucksack und verabschiedet sich von Vera.
18 Uhr. Die Vogelbörse ist in einem Nebenraum in vollem Gange. In der Aula sitzen Seniorinnen und Senioren um eine kleine Bühne. Außerdem sind viele auswärtige Vogelfreunde gekommen, um den Vorträgen zu lauschen. Man hört gedämpfte Vogellaute und das leise Raunen der Menschen. Markus sieht eine Dame im Rollstuhl, den Acrylic FruitSpear in der Hand. Ein appetitlich rotwangiger Apfel schmückt den Spieß, die alte Dame hat gerade hineingebissen. An dem glänzend blauen Acryl hängt noch der Werbezettel: „Mit diesem Fruchtspieß können Sie Ihren Liebling so richtig verwöhnen und gleichzeitig etwas für seine Gesundheit tun.“ Äpfel sind bekanntlich nicht nur für Vögel, sondern auch für Pferde und Menschen sehr gesund. Markus wartet auf die Vorträge, die immer noch nicht begonnen haben.
20 Uhr – die Situation ist unverändert, denn nach langer Diskussion der Veranstalter und Vortragenden mit dem Publikum, in der es um die fehlenden Mikrofone und um die schlechte Sicht aus den hinteren Reihen ging, um geschlossene Fenster und geöffnete Türen, nach bange sich dehnenden Minuten, in denen manche an ihre Liebsten, einige jedoch auch an Dinge wie den Toilettenbesuch, an Zigaretten oder auch ans Abendbrot dachten - endlich der nunmehr geradezu forsch anmutende Versuch, die drängenden Fragen zur Vogelhaltung und -erziehung, die so viele Besucher und Heimbewohner in den Veranstaltungssaal gelockt hatten, durch ein Interview des Vorsitzenden der Vogelfreunde mit den eingeladenen Experten zügig zu beantworten. – Markus war bereits gegangen.
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