Nach welchen Kriterien urteilen Leserinnen über Bücher?
Manchmal denke ich, dass Leserinnen, ebenso wie Leser, nur Bücher wertschätzen, deren handelnde Personen dem heutigen Zeitgeist entsprechen, mit denen sie sich identifizieren können. Die Protagonisten sollen jung sein, die „richtige“ Kleidung tragen, angesagte Musik hören und einen Lebensweg einschlagen, den man gerne mitgeht. Für Bitteres, Düsteres, Bedrohliches ist in der Realität kein Raum, es sei denn, der Jammer ist nur Episode, die Seelenpein spielt sich in einem schicken Ambiente ab, und am Ende gibt es eine Erlösung.
Das fällt besonders auf, wenn Autorinnen ihre Geschlechtsgenossinen in ihren Romanen oder Erzählungen beschreiben. Ihrer eigenen Rolle ungewiss, suchen die Leserinnen nach Vorbildern in der Literatur, an denen sie sich orientieren können. „Freche Mädchen“, mutige, durchsetzungsfähige und gewitzte Heldinnen haben Konjunktur. Gebrochene Frauengestalten bedrohen das ohnehin unsichere Selbstbild. Für Armut, Dumpfheit, falsche Entscheidungen, Versagen und auf den ersten Blick unverständliches Verhalten der Protagonisten ist kein Raum, kulturelle Differenzen interessieren nicht.Die Kritiker des Feuilletons haben andere Kriterien, sind eher bereit, sich auf Unerhörtes und Fremdartiges einzulassen.Beispiel gefällig? "...war von dem buch einigermassen enttäuscht. die handlungen der weiblichen charaktäre bleiben weitestgehend unverständlich. diesselben hochgradig charakter und würdelos. fremdenfeindlichkeit, lose familienbeziehungen, perspektivenlosigkeit, wodka, jurten und bordelle. gähn."Das ist eine Amazon-Kunden-Rezension von "hurgazoid" zu:Petra Hůlová: Kurzer Abriss meines Lebens in der mongolischen Steppe. Sammlung Luchterhand, 2007. Originaltitel: Pamet moji babicce - Memory for my Grandmother.
Ein weiterer Rezensent wendet sich gegen diese Kritik, allerdings nur wegen der Schreibfehler. Die zweite bei Amazon abgegebene Kundenkritik ist positiver. Es handelt sich hier um den Debütroman einer damals (2002) erst 23-jährigen tschechischen Autorin, die selbst einige Zeit in der Mongolei gelebt und studiert hat. Der Roman wurde seinerzeit hoch gelobt von Insa Wilke in der ZEIT, sie rühmt auch die glänzende Übersetzungsarbeit von Christa Rothmeier. Hier die Rezension von Insa WilkeEbenfalls positiv äußerte sich "Herr Palomar" in der BüchereuleIch habe das großartige Buch gelesen und war tief beeindruckt. Der Zusammenprall verschiedener Kulturen, Frauenschicksale zwischen Ger (der traditionellen Jurte in der mongolischen Steppe) und Stadt (Ulan Bator) über mehrere Generationen hinweg werden in einer ungewöhnlichen und farbigen Sprache geschildert. Die schwierigen Lebensbedingungen der Frauen, ihre Armut, fehlende Bildung und zunehmende Entwurzelung werden schonungslos aufgezeigt. Hierin liegt das Problem, nicht in einer angeblichen "Charakter- oder Würdelosigkeit" der Frauen. Zum Gähnen ist das nicht.Wer sich übrigens einmal über die Randbezirke von Ulan Bator, über die Mongolei von heute, ein Bild machen möchte, schaue mal auf den Posterous-Blog Out of Mongolia .

