Meine liebsten Krimi-Serien: Nury Vittachis Fengshui-Detektiv ermittelt

Das Flugzeug droht, jeden Augenblick abzustürzen. Der Inder Delip Kenneth Sinha, der sich wie der Serienheld, der chinesische „Fengshui-Detektiv“ Wong an Bord befindet, beantwortet die Frage einer Mitreisenden:

„Können wir wirklich weiter gar nichts tun, als hier zu sitzen?“ folgendermaßen:

„Oh doch, wir haben die Wahl unter mehreren Möglichkeiten. Ich für mein Teil habe gewählt.“

„Und zwar?“

„Ich bestelle noch eine Tasse Tee.“ Und wenn die Mitreisende dann antwortet: “Ausgezeichneter Gedanke. Ich bin dabei “ wissen wir, dass wieder einmal ein Brite uns mit diesem witzigen und ganz und gar irrationalen Dialog in einem Krimi beglückt hat.

Nury Vittachi ist der Verfasser einer in Singapur, Hongkong, gelegentlich auch in Sydney oder streckenweise in London spielenden Krimiserie um den Ermittler Wong, der Kriminalfälle  mit Hilfe von Fengshui löst.  Nury Vittachi wurde 1958 in Sri Lanka geboren und wuchs unter anderem in Großbrittannien auf. 1986 zog er nach Hongkong, wo er mit seiner Frau und seinen drei adoptierten Kindern lebt. Dort machte er sich zunächst mit dem Schreiben von Kolumnen in Zeitungen einen Namen. Auf Deutsch sind seine Bücher in schönen gebunden Ausgaben im Unions-Verlag erschienen.

Hongkong ist einer der wenigen Orte auf der Erde, wo die Harmonielehre Fengshui absolut ernst genommen wird und wie selbstverständlich beim Bau und bei der Einrichtung von Gebäuden eingesetzt wird.

Vittachi hat sich selbst mit Fengshui intensiv beschäftigt und verbürgt sich dafür, dass die in den Romanen dargestellten Praktiken korrekt beschrieben sind.

Der oben wiedergegebene Dialog stammt aus dem Roman Der Fengshui-Detektiv im Auftrag Ihrer Majestät, (Originalausgabe Mr Wong goes West 2008. Deutsche Ausgabe übersetzt von Ursula Ballin 2009).

Wong erhält den Auftrag, das Fengshui eines Flugzeugs zu bestimmen, „eines fliegenden Transport-Objekts ohne Norden und Süden, Oben und Unten.“ Für eine Fengshui-Analyse fehlen hier „Berge und Flüsse, deren geordnete Konstellationen maßgebend für die Bestimmung des „Fengshui“, der Harmonie eines Ortes, sind. Eigentlich eine unlösbare Aufgabe. Dann stellt sich aber heraus, dass lediglich der Konferenzraum eines Luxusflugzeugs einer Analyse unterzogen werden soll. Da die Auftraggeber mit höchsten britischen Kreisen, sogar den Royals einschließlich der Queen verbunden sind, ist der stets in Geldnöten steckende und materialistisch denkende kleine Detektiv bereit, seine Bedenken fahren zu lassen und sich der Aufgabe anzunehmen, die allerdings ihn selber zwingen wird, das Flugzeug zu besteigen und einen Flug nach London zu unternehmen, bei welchem das Flugzeug in höchste Gefahr gerät und der Detektiv mal wieder als Retter in letzter Sekunde gefragt ist. Wie die anderen Fengshui-Romane bezieht das Buch auch diesmal seinen Charme und Witz aus der gelungenen und sachkundig geschilderten Konfrontation zwischen der Schlichtheit des in uraltem überlieferten Wissen geschulten Chinesen und der scheinbaren Überlegenheit der komplexen technisierten westlichen Welt. Die Unwissenheit des Detektivs allem gegenüber, was die britische Monarchie betrifft, verführt den Leser zum Schmunzeln, besonders als Wong ihrer Majestät persönlich gegenübersteht und sie verwirrt mit „Mama“ statt „Majestät“ anredet, und trotzdem zielstrebig die Gelegenheit nutzt, sie zu einem kleinen Grundstücksgeschäft zu überreden.

In allen Fengshui-Romanen taucht in Wongs ärmlichen Büroräumen in Singapur das gleiche Personal auf: Die junge rotzfreche Australierin Joyce, die von einem Fettnäpfchen ins andere tritt und trotzdem loyal und erfolgreich für ihren Chef arbeitet. Wong versteht sie überhaupt nicht, und das ist wörtlich zu nehmen, da sie einen manchmal übertrieben geschilderte Teenie-Sprache benutzt. Er kann Joyce aber nicht feuern, da deren Vater, ein reicher Diplomat, Wong regelmäßig dafür bezahlt, dass dieser seine Tochter als Praktikantin beschäftigt. Außerdem treibt da noch die völlig inkompetente Sekretärin Winnie, welche Aufträge grundsätzlich nicht erledigt und den ganzen Tag hauptsächlich mit ihren Fingernägeln beschäftig ist, ihr Unwesen.

Außerdem freut den Leser, stets denselben Mitgliedern der von Wong gegründeten „Singapurer Gesellschaft der Berufsmystiker“ zu begegnen, zu denen er selbst (Geomant) gehört: den bereits erwähnten Inder Sinha, Meister des Vastu, der indischen Entsprechung der chinesischen Geomantik sowie der chinesischen Wahrsagerin Xu Chongli, Astrologin, früher im Bankgeschäft tätig.

Auch die anderen Fengshui-Romane habe ich mit Gewinn gelesen und kann sie jedem ans Herz legen, der sich für die Thematik interessiert.

Zum Schluss noch eine Bemerkung Vittachis im Anhang:  „Früher war Asien eine der kreativsten Ecken der Welt. Die ältesten Schriften wurden in China und Pakistan gefunden, und die vergangenen Jahrtausende haben bemerkenswerte Gedichte und Schriftstücke hervorgebracht. Aber seit zweihundert Jahren hat der Westen das Monopol auf die Kunst des Geschichtenerzählens. Es ist an der Zeit, dass Asien sich wieder Gehör verschafft. Wir haben so viel Großartiges zu erzählen.“

Weitere Romane aus dieser Reihe von Nury Vittachi, sind: Der Fengshui-Detektiv, Der Fengshui-Detektiv und der Geistheiler, Der Fengshui-Detektiv und der Compuntertiger, Shanghai Dinner. Der Fengshui-Detektiv rettet die Welt.

Auf der Krimi-Couch findet man Näheres, Inhaltsangaben, Bewertungen, Rezensionen.