Kulturredakteur, zweitklassig?
Foto: Kai Brinker (2006), Wikimedia Commons
Guten Tag, ich bin Fürchtegott Jonathan, Kulturredakteur!
Jeden Tag schreibe ich - ebenso wie mein berühmter Kollege Georg Wailand oben auf dem Foto - für den Wirtschaftsteil meiner Zeitung. Außerdem bin ich für Kultur zuständig und verfasse Theater- und Filmrezensionen, Konzert- und Ausstellungskritiken, Sportberichte und Bücher-Empfehlungen; Künstler-Interviews liegen mir besonders. In allen Sparten kenne ich mich bestens aus! Ob meine Zeitung inzwischen ebenso wie die beiden Soccer-Teams von Red Bull aufgekauft wurde? Ich weiß es selber nicht.
Einige meinen, dass ich als Kulturredakteur "zweitklassig" sei, aber das stimmt nicht. In Wahrheit bin ich erstklassig!!!
Und hier verrate ich ein paar Geheimnisse, wie man es als Kulturredakteur anstellt, "zweitklassig" - äh..."erstklassig" zu werden:
a) Gut gemeinte Ratschläge an Autoren, Regisseure und Filmemacher: "Hätten Sie doch lieber statt diesen Film zu machen (dieses Buch zu schreiben, in dieser Weise zu inszenieren etc.) einen a n d e r e n Film gedreht, wie Sie es selbst doch schon vor Jahren in einem Interview vorgeschlagen haben", also, ein Film aus der Sicht der Frau statt aus der Sicht des Mannes, aus der Perspektive der Besatzungssoldaten anstatt aus jener der Besiegten usw. Je aberwitziger die Vorschläge umso besser. Hierher gehört auch die Forderung, völlig unbekannte Stücke von 7 Stunden Dauer in der Originalsprache (Griechisch, Russisch, Chinesisch) mit 2-stündiger Balletteinlage ohne "Striche" in werkgetreuer Aufführung auf die Bühne zu bringen.
b) Eine Abwandlung von a) sind unerfüllbare Forderungen: "Schrecklich, dieser Felsen aus Pappmaché. Hier hätte man einen Granitblock auf die Bühne bringen müssen." "Furchtbar die Kulissen im Spielfilm über den zweiten Weltkrieg in Berlin. Ihr hättet die Stadt besser in Schutt und Asche legen müssen, dann hätte es realistisch ausgesehen."
c) Die eigenen Vorlieben konsequent verfolgen: "Bitte nicht schon wieder eine Belcanto-Oper im Spielplan, stattdessen Wagner, Wagner, Wagner...." Hier sind Steigerungen möglich: Also bitte gleich einen eigenen Spielplan für die nächste Spielzeit entwerfen und publizieren. Als Abwandlung empfiehlt sich, einzelne Sparten eines Stadttheaters hervorzuheben oder zu schmähen: "Das Ballett gehört in die Mottenkiste." Oder andersherum: "Nur das Ballett taugt etwas. Alles andere ist schlecht."
d) Missliebige Autoren, Filmemacher, Regisseure schlechtmachen und dabei möglichst auf einem Standpunkt beharren, der schon im 19. Jahrhundert als überwunden galt: "Diese Maschinenmusik Rossinis..." "Wie Stendhal schon 18... in Bezug auf den Komponisten treffend bemerkte....." "Dieser Regisseur zitiert sich selbst. Das hat er uns schon vor dreißig Jahren geboten." Damit meine ich natürlich: Warum sehen die Leute einfach nicht ein, dass ihr früherer Ruhm ihnen heute nun wirklich nichts mehr nützt und treten endlich ab? Auch die umgekehrte Variante, die darin besteht, unbekannte Neulinge in den Himmel zu heben und für - sagen wir - "Tristan und Isolde" wärmstens zu empfehlen, bringt mir Pluspunkte.
e) Emotionen sind zu vermeiden. Es muss akademisch, gelehrt und straubtrocken klingen, dann ist es gut. Es gibt aber eine Ausnahme: Wenn es um Alter, Kleidung, Geschlecht, Bewegungen und das leidige "Rampensingen" geht, ist kein Klischee zu billig, die Leser wollen ja unterhalten werden. Als Mann bin ich natürlich auch bestens über weibliche Mode unterrichtet und kann das Werk der Kostümbildner intuitiv erfassen. Hier spare ich nicht mit Lob oder Tadel und wundere mich nur, dass ein und dasselbe Outfit ganz unterschiedlich gesehen werden kann. Meistens bin ich hingerissen von den Gewändern, wenn sie die Körper schöner Frauen zieren. Nur wenn Säume zerrissen sind und es insgesamt zu unordentlich aussieht, kann ich ungehalten werden. Ein Abendkleid muss gepflegt aussehen, auch wenn es "Fräulein Julie", die sich bekanntlich mit ihrem Diener vergnügt, auf der Bühne trägt.
f) Mehr oder weniger dezent gehe ich auch meiner Pflicht nach, Liebesgeschichten zwischen einzelnen Sängern nachzuspüren und in meinen Text einzuflechten, schließlich geht es um Stars der Szene. Wer ist schwanger, wer hat an Gewicht zugelegt? Hier muss ich mir bei meinen Ausführungen etwas einfallen lassen, ich schreibe ja nicht für das Lila Blatt.
g) Bitte nicht einzelne Akteure übermäßig loben! Wenn Lob sich nicht vermeiden lässt, kann eine Prise Mäkelei dennoch nicht schaden. "Die Arie ....wurde gut bewältigt, der letzte Ton dauerte hingegen zu lang"..."Intonationsprobleme" zu erwähnen, ist nie verkehrt, jeder singt mal daneben. Von grandioser Sachkenntnis zeugen auch Anmerkungen wie: "Die Stimme klingt - ausgesungen." Richtig "erstklassig" ist es aber, das baldige Karriereende auch bei jungen Sängern herbeizureden: "Wenn er so forciert weitermacht, hält er nicht mehr lange durch." "Die Stimme der Sopranistin ist schön. Aber noch fehlen ihr die fahlen Töne."
h) Es zeugt von Souveränität, wenn die Rezensionen so enden: "Es gab Zwischenapplaus und einige Buhs. Den dritten Akt hat der Rezensent nicht mehr verfolgen können, da er wegen des Redaktionsschlusses das Haus vorzeitig verlassen hat." Bei der Sportberichterstattung wird es doch genauso gemacht. Hauptsache mein Werk ist im Druck, bevor die Aufführung zu Ende ist.
i) Ist der Rezensent auf der Buchmesse und erblickt von ferne den Ehrengast derselben, eine Weltbestseller-Autorin aus Indien, zu deren Werk ihm nichts einfällt, soll er es so machen, wie ich es vor Jahren tat. Einfach Folgendes schreiben: "Sie ging, arrogant lächelnd, Zigarette rauchend, im prächtigen perlengeschmückten Sari mit rot geschminkten Lippen durch die Reihen." Das hat was! Ehrengast aus Indien, Weltbestseller, Frau!! Das ist "irgendwie" zu viel...hätte sie wenigstens ein schlichtes Baumwollkleid angehabt und wäre ungeschminkt geblieben....Habe ich mich geirrt in meiner kritischen Beurteilung? Aber das macht doch nichts! Auch die "Blechtrommel" wurde seinerzeit vom deutschen Feuilleton verkannt, irren ist menschlich.
