Körperkult, Lifestyle und Weiblichkeit im modernen amerikanischen Krimi
By Eugène Grasset (1841-1917) via Wikimedia Commons
Zum Joggen schlüpft Rei Shimura, japanisch-amerikanische Hobbydetektivin auf Hawai, „in melonenrote Shorts, Top und Socken“. Nachdem sie „zwei Gläser Wasser getrunken und sich die Zähne geputzt hat, macht sie Dehnübungen“ – und dann geht es los. Zum Rendezvous oder zu geschäftlichen Treffen trägt sie elegante geblümte oder einfarbige Kleider, ihr Hochzeitskleid in Brennender Hibiskus ist ein langes cremefarbenes Seidenkleid mit dezentem gelben Saum, der an die Frangipani-Blüten der Insel erinnert. Ihr Lidschatten darf gerne einmal „pflaumenblau“ sein, sonst mag sie es aber eher sportlich-leger. In allen Dingen, welche die Gesundheit betreffen, ist sie bewandert; schließlich obliegt es ihr, dafür zu sorgen, dass ihr schwer herzkranker Vater, der sie auf der Reise begleitet, keinen Rückfall erleidet. Im gemieteten Ferienhaus sucht sie als erstes nach der Saftpresse, die dort wohl zur Grundausstattung gehört. Ihr Vater soll frisch gepresste Säfte trinken, nicht solche aus der Dose, welche er eigentlich bevorzugt, da diese „nicht so reich an Ballaststoffen, aber reich an Antioxidantien“ seien. Wenn der Freund eine Hautcreme kauft, erfahren wir die Marke ((„Neutrogena“). Unter allen Umständen weist die Heldin gepflegte Hände und Fingernägel auf: Hoppla, der Heiratsantrag mit passenden Ringen – Verlobungs- und Ehering! - kommt auch diesmal völlig überraschend! Und dass sie sich keinesfalls beirren lässt, bei intimen Gelegenheiten die offenbar tägliche Beinrasur einzuplanen, erfährt der Leser nebenbei.
Liest man diese unvollständige Aufzählung von Ritualen und Gewohnheiten, könnte man meinen, der Roman bestünde nur aus solchen „Show – don`t- tell“ - Einzelheiten. Weit gefehlt! Beiläufig und unauffällig werden diese Informationen neben Schilderungen von Fußbodenmustern oder auch der Kantinenausstattung eingeblendet, die genau so präzise ausfallen. Die fortschreitende Krimihandlung wird in ihrer Spannung dadurch nicht beeinträchtigt.
Möchte der Leser/ die Leserin das alles so genau wissen? Ich behaupte, ja! Junge kosmopolitisch orientierte Menschen lieben den klaren Blick auf für sie wichtige Details wie die „richtige“ Kleidung, die angesagte Marke, das schnörkellose Design. Und so fällt grelles Sonnenlicht auf die Szene, Schatten und verhüllendes Dunkel sind verpönt, das Rätsel- oder Schemenhafte wird ausgeblendet. Wie anders der frühe amerikanische Kriminalroman eines Raymund Chandler, Ross Macdonald oder Jim Thompson: Hier ist der Held meist männlich. Die Frau ist oft Auftraggeberin des Detektivs und es reicht häufig, ihre Kleidung (Hut!), ihren Lippenstift und ihre hilflos aufgerissenen Augen zu beschreiben, um sie als Vamp und Verführerin zu charakterisieren. Vieles bleibt im Dunkel, es ist der Fantasie des Lesers überlassen, die Lücken auszufüllen. Unser Bild dieser Krimiwirklichkeit ist eng mit den Schwarz-Weiß-Filmen der Zeit mit ihren vielfältigen Licht-und -Schatten-Abstufungen verbunden.
Die 30-jährige Detektivin Rei Shimura in den Romanen Sujata Masseys kann dagegen als Rollenvorbild für eine junge noch selbstunsichere Leserin dienen: Sie ist familienorientiert, bescheiden, mutig, sportlich und entscheidungsfreudig. Und ein weiterer Aspekt geradezu vorbildhafter Weiblichkeit kommt hinzu: Sinnenfreude und sexuelle Selbstbestimmtheit. Wenn da ein männlicher „Grapscher“ auftaucht, weist die Heldin ihn eindeutig und schlagfertig in die Schranken. Manche Dialoge wirken, als seien sie für ein Handbuch zur Abwehr sexueller Belästigung auf dem Campus oder am Arbeitsplatz geschrieben. Bedenkt man, dass die Autorin Sujata Massey Kurse für kreatives Schreiben an Universitäten gibt und im ständigen Austausch mit Leserinnen und Studentinnen steht, ist das nicht verwunderlich.
Und wie sieht es in anderen Krimiserien aus? Hier scheint die Kommissarin oder Detektivin häufig immer noch am männlichen Vorbild orientiert, so als traue man einer eher traditionell „weiblich“ anmutenden Figur weniger die notwendige, mit den Anforderungen des Berufes verbundene, Härte zu. Die von der Deutschen Doris Gercke erfundene Romanfigur Bella Block ist schon älter, füllig und trinkfest. Die in den Krimis der israelischen Autorin Shulamit Lapid erfrischend unkonventionell auftretende Ermittlerin Lisi Badichi ist eckig, lang und stark, und ihre großen Hände und Füße werden immer wieder erwähnt. Damit hebt sie sich deutlich von den Frauen in ihrer Umgebung und ihrer Familie ab. In den Romanen der erfolgreichen russischen Autorin Aleksandra Marinina ermittelt die Mitte 30-jährige Anastasia Pawlowna Kamenskaja („Nadja“) bei der Moskauer Kriminalpolizei. „Sie ernährt sich überwiegend von Kaffee und Zigaretten. Vom Äußeren wirkt sie ziemlich unscheinbar, sie trägt gerne bequeme Sachen und wirkt nicht gerade anziehend auf Männer. Sie ist introvertiert “ (nach Peter Kümmel in Krimi-Couch.de). Das mag genügen, um zu verdeutlichen, dass eine so „unkomplizierte“ und als weibliches Rollenvorbild angelegte junge Frau wie Rei Shimura derzeit keine Selbstverständlichkeit im internationalen modernen Krimi darstellt, auch nicht in den Werken von Autorinnen.
